Über IT-Trends im Mittelstand und ihre Konsequenzen auf die Server – hier speziell IBM i und die neue Power7-Generation (siehe auch „Ab durch die Mitte“) – sprachen wir im Vorfeld der Cebit mit Martina Koederitz. Die frühere Chefin der Systems & Technology Group ist seit dem letzten Mai Geschäftsführerin der IBM Deutschland. Sie leitet seither das Mittelstandsgeschäft und verantwortet damit auch die Zusammenarbeit mit den Geschäftspartnern in Deutschland.
Frau Koederitz, wo sehen Sie die wichtigsten Trends beim IT-Einsatz im deutschen Mittelstand?
Koederitz: Der Mittelstand entdeckt zunehmend die strategische Komponente der IT – gemäß der Fragestellung: Wie kann IT die Entwicklung des Unternehmens unterstützen? Wie kann IT Eigenschaften wie Flexibilität oder Innovation im Unternehmen etablieren?
Die IT entwickelt sich von der reinen Support-Funktion oder Dienstleistung hin zum Innovationsmotor im Unternehmen und hilft, neue Themen und Herausforderungen effizient zu adressieren. Das haben wir in den letzten Monaten immer wieder beobachtet – und diese Beobachtung wurde auch durch Veranstaltungen wie den Mittelständischen Unternehmenstag in Leipzig oder die Messe IT & Business in Stuttgart untermauert.
Was heißt das konkret?
Koederitz: Für den Mittelstand werden 2010 drei Themenkomplexe in der IT deutlich an Bedeutung gewinnen. Neben „Business Analytics“ und „Smarter Work“ sind das „Dynamische Infrastrukturen“, also Lösungsangebote von der reinen Hardware-Infrastruktur über Energiemanagement bis hin zu Lösungen für Datenschutz und Datensicherheit wie Backup.
Denn heute gehen Betreiber von IT-Workloads davon aus, dass die Hardware rund um die Uhr möglichst bedienungslos und wartungsarm funktioniert. Das dient uns als Ansporn, die Hardware entsprechend weiter zu entwickeln und dem Kunden zu helfen, diese Eigenschaften in der IT-Infrastruktur zu etablieren.
Um hier smarte Wege zu bahnen, wurde das Business Analytics Center gegründet. Dient es nur für IBM-interne Zwecke – oder auch als Anlaufstelle für den Mittelstand?
Koederitz: Im Business Analytics Center haben wir in Berlin die Beratungskompetenz von 400 Business- Intelligence-Experten gebündelt, die für all unsere Kunden da sind – natürlich auch für Mittelständler. So zeigen wir Beispielsszenarien mit dem kürzlich angekündigten Cognos Express. In dem integrierten Lösungspaket sind bereits viele typische Anforderungen des Mittelstandes – z.B. an das Berichtswesen oder an die Planung – vorkonfiguriert. Das vereinfacht und beschleunigt die Implementierung in kleineren Organisationen. Letztlich macht diese Standardisierung Business Analytics auch für Mittelständler wirtschaftlich und manchmal überhaupt erst praktikabel, auch vom Aufwand und den Kosten her.
Sie erwähnen ein aktuelles Beispiel der Express-Initiative von IBM. In welche Richtung wird diese Initiative weiter entwickelt?
Koederitz: Derzeit bieten wir in dem Programm „Express Advantage“ rund 150 Lösungen an, die über unsere Geschäftspartner im Markt platziert werden. Natürlich lernen wir mit jedem neuen Produkt hinzu, da sich die Anforderungen permanent wandeln. Wir sind also gefordert, immer wieder neue Express-Lösungen zusammenzustellen. Dabei sind wir auf das Feedback der Kunden und Partner angewiesen.
Wir konzentrieren uns mit „Express Advantage“ auf Portfoliosegmente in den Bereichen Hard- und Software und stellen Komponenten vorkonfiguriert bereit, die eine hohe Relevanz für den Mittelstand haben. Ziel ist es, kostengünstige Lösungen zu schaffen, die schnell eingeführt und einfach betrieben werden können.
Typische Beispiele sind das Servermodell Power 560 Express oder Lotus Domino Express, eine einfach implementierbare Variante unserer Groupware-Lösung. Auch im Bereich E-Mail-Sicherheit gibt es eine Express-Lösung, die der Kunde ohne größere eigene Aufwendungen einfach installieren und implementieren kann.
Welche Rolle spielt die Modernisierung teilweise bereits lange genutzter IT-Systeme?
Koederitz: Modernisierung und damit verbunden auch Flexibilisierung der IT-Infrastrukturen ist natürlich eine permanente Aufgabe, die sich heute auf der Agenda der Mittelständler weiter nach vorn geschoben hat. Der Grund: Die Infrastrukturen sind heute typischerweise noch sehr heterogen – und die IT-Systeme längst nicht wie gewünscht integriert. Hier gibt es noch große Potentiale, nicht nur Kosten und Zeit zu sparen, sondern auch die mit unterschiedlichen IT-Systemen verbundenen Risiken zu minimieren. Letztlich kann eine integrierte IT auch die Geschäftsprozesse besser durchgängig unterstützen.
Denn bei der Modernisierung geht es bei weitem nicht nur um die physikalische Infrastruktur – z.B. in Form von Netzwerkvereinheitlichung, Virtualisierung der Ressourcen und Serverkonsolidierung. Im Endeffekt geht es um die Optimierung aller Abläufe: Wie kann per ERP- und Busin
ess-Intelligence-Technologie das Unternehmen besser gesteuert werden? Wie kann Systemautomation den Rund-um-die-Uhr-Betrieb zuverlässig sicherstellen?
Letztlich stehen viele Mittelständler gerade jetzt vor der Frage, ob sie mit ihren bewährten Anwendungssystemen weiter arbeiten oder auf innovative Anwendungsarchitekturen und offene Standards setzen wollen. Hier gilt es, die Investitionen der letzten Jahre abzuwägen gegenüber dem möglichen Fortschritt durch eine Umstellung und deren Kosten. Bei dieser Entscheidung spielt das Risiko des Umstiegs und seine Dauer genauso eine Rolle wie der Aufwand für die Weiterentwicklung der vorhandenen Applikationen.
Die Betonung des Integrationsgedankens klingt fast nach einer Wiederbelegung der guten alten AS/400-Idee: Einer stabilen, einfach zu betreibenden IT-Plattform für alle geschäftlichen Anwendungen?
Koederitz: Diese Idee besticht ja auch noch heute: Jeder Unternehmer hätte gerne ein einfach zu bedienendes, hochverfügbares, performantes und sicheres Serversystem.
Zweierlei hat sich jedoch seit der AS/400-Einführung in den 80er Jahren grundlegend geändert: Erstens hat man heute nicht mehr nur ein zentrales IT-System im Unternehmen, das die Mitarbeiter über „dumme“ Terminals nutzen, sondern – wie gesagt – ein wahres Geflecht intelligenter IT-Systeme, die möglichst nahtlos ineinander greifen sollten. Und zweitens geht es längst nicht mehr nur um die IT im Unternehmen, sondern um deren hochgradige Vernetzung mit den IT-Systemen der Kunden und Partner.
Teilweise ist heute eine Supply Chain in der IT verschiedener Unternehmen abgebildet. Das heißt: Selbst wenn man die IT im Unternehmen auf einer einzigen Plattform integrieren könnte, bedeutet die Integration mit anderen Anwendungen, Standards und Betriebssystemen außerhalb der Firmengrenzen eine neue Dimension der Komplexität, die es zu beherrschen gilt. Wenn das mit der vorhandenen Anwendungsarchitektur nicht oder nur schwer möglich ist, steht die Frage eines Umstiegs oder einer Anwendungsmodernisierung im Raum.
Auch dafür entwickelt IBM ja Smarter-Planet-Lösungen. Sind die bereits mittelstandstauglich?
Koederitz: Es gibt selbstverständlich erste Lösungen, die bereits im Mittelstand einsetzbar sind – wie z.B. Cloud Burst. Damit können Kunden ihre eigene Cloud-Umgebung mit vorintegrierter Hardware und Software einrichten.
Wir arbeiten gemeinsam mit unseren Geschäftspartnern, intensiv daran, integrative Lösungen mit Branchenfokus zu schaffen. Ich möchte hier als Bespiel Lotus Live anführen und auf das Angebot Group Live verweisen. Das ist eine umfassende Plattform-as-a-Service-Lösung für Softwareentwickler. Das Angebot hat unser Partner Group Business Software AG entwickelt. IBM liefert die technische Infrastruktur dafür.
Partnerschaften pflegt IBM ja z.B. im „Power Net“ oder „Vertical Industries Program“. Können Sie uns hier auf den aktuellen Stand der Dinge bringen?
Koederitz: Das „Power Net“ ist längst im „Vertical Industries Program“ – kurz VIP – aufgegangen und auf mehrere Plattformen ausgeweitet worden. Bei VIP arbeiten wir intensiv mit unseren Lösungspartnern – also den „Industry Solution Vendors“ – zusammen. Immer mit der Zielsetzung, möglichst viele Software-Hersteller zu gewinnen, die auf einer möglichst breiten IBM-Plattform ihre Produkte anbieten.
Dabei geht es darum, dass diese Lösungspartner ihre industriespezifischen Lösungen auf IBM-Hardware und -Software migrieren, portieren oder im Idealfall auch damit entwickeln. Der Grund ist einfach: Wir sind der Überzeugung, dass der Mittelstand sich aufgrund der Anwendungsfunktionalität für eine IT-Lösung entscheidet – und nicht aufgrund der Technologie. Deshalb ist es wichtig, dass wir für alle Branchen relevante Lösungen in unserem Portfolio über das Netzwerk anbieten können, um gemeinsam mit dem Partner in Summe auch das beste Angebot machen zu können.
Viele der aktuellen Initiativen zielen auf innovative Software- und Service-Produkte. Als frühere Server-Chefin können wir Sie das ja fragen: Wie wichtig ist eigentlich heute noch die Hardware für IBM?
Koederitz: Im Gesamtportfolio sehen wir zwar eine Verlagerung hin zu Software und Services, doch die Hardware ist und bleibt ein elementarer Baustein für alles, was wir an Innovation und Gesamtlösungen in den Markt tragen. Viele der Hardware-Technologien, die von IBM-Forschern und -Entwicklern hervorgebracht wurden, haben neue Lösungen ja überhaupt erst möglich gemacht. Denken Sie nur an die erwähnten Business-Analytics-Anwendungen, die gigantische Rechnerkapazitäten brauchen. Diese Leistung wird durch bessere Hardware immer günstiger und macht diese Anwendungen für den Mittelstand attraktiv.
Generell bleibt die Hardware für IT-Lösungen wichtig, denn sie bildet die darunter liegende Infrastruktur im Sinne von Verfügbarkeit, Performance, Skalierbarkeit, Integrationsfähigkeit und Verlässlichkeit.
Mit Blick auf Schlagworte wie Cloud Computing drängt sich aber doch die Frage auf: Braucht der Kunde überhaupt noch Hardware?
Koederitz: Hardware wird immer gebraucht – und sei es von dem Anbieter von Cloud-Lösungen. Natürlich gibt es heute andere IT-Betriebsmodelle als den hausinternen Betrieb von Servern – angefangen vom klassischen Outsourcing über Grid- und Utility-Computing bis hin zu Software as a Service und zur Cloud.
Die damit verbundene Standardisierung und Automatisierung der IT ist mit Sicherheit im Sinne aller Marktteilnehmer. Die Frage wird sein: Welches sind die ersten Anwendungselemente, die sich über eine Cloud vernünftig nutzen lassen? IBM ist hier mit Lotus Live den ersten Schritt gegangen, denn Messaging ist eine Standardapplikation. Inzwischen greifen 18 Millionen Benutzer auf diesen Service zu.
Es ergibt ja Sinn, auf einer gemeinsam genutzten Infrastruktur solche Standardapplikationen für mehrere Kunden anzubieten. Derzeit bin ich aber auch der Meinung: Je individueller die Applikation auf die Geschäftsprozesse des Kunden abgestimmt ist, desto schwieriger wird es, diese Funktionalität im Sinne der Kosteneffizienz auf einer Shared Infrastructure anzubieten.
Stichwort Standardisierung: Wird es in Zukunft noch unterschiedliche Servertypen geben?
Koederitz: Wir sind davon überzeugt, dass wir auch für die IT-Infrastrukturen von morgen unterschiedliche Server-Funktionalitäten und einen Workload optimierten Ansatz benötigen. Das ist einer der Gründe, warum IBM auch in diesem Jahr erneut mehr als sechs Milliarden Dollar in die Forschung und Entwicklung investieren wird.
Die Nachfrage nach leistungsfähigen Transaktions- und Datenbankservern wie z.B. Mainframes wird ebenso bestehen bleiben wie die nach Unix- und Linux-Servern für Workloads mit hoher Rechenintensität. Es gibt eine wachsende Zahl an Anwendungen und damit auch Benutzern, die sehr gut auf der Intel-Plattform bedient werden können. Die unterschiedlichen Anforderungen der Workloads an Stabilität, Zuverlässigkeit, Sicherheit, Skalierbarkeit und Performance charakterisieren auch die Eigenschaften der jeweiligen Server-Hardware, die dafür am besten geeignet ist.
Wie beim Autokauf wird auch bei der Server-Anschaffung immer der Einsatzzweck die Kaufentscheidung beeinflussen. Wer eine große Familie transportieren will, dem nutzt der schönste Sportwagen nichts. Manchen Autokäufern ist die Ausstattung wichtig, anderen vor allem die Wirtschaftlichkeit im Betrieb und die Ökologie, wieder anderen ein schnittiges Fahrverhalten, die Sicherheit oder der Anschaffungspreis. Dementsprechend viele Modelle und Marken gibt es auch nach über hundert Jahren Autoentwicklung. Ganz analog wird es auch in Zukunft immer unterschiedliche Server-Hardware geben.
Was hat die Vereinheitlichung der Server-Plattformen im April 2008 aus heutiger Sicht gebracht?
Koederitz: Hauptvorteil ist der Investitionsschutz für die vorhandenen Anwendungen unserer Kunden und Geschäftspartner, die noch lange betrieben werden können. Ein weiterer Vorteil ergibt sich für Kunden, die ihre IT konsolidieren wollen, denn mit den Power Systems können sie die Betriebssysteme IBM i, AIX und Linux auf einer Hardware einsetzen. Das eröffnet neue Konsolidierungsoptionen über unterschiedliche Anwendungen hinweg. Mit IBM i und AIX können Kunden ihre vorhandenen Workloads auf die neuen Power Systems portieren. Linux ermöglicht auch die Anwendungsentwicklung auf Open-Source-Basis und bietet weitere Möglichkeiten, die Auslastung zu verbessern.
Bei aller Dynamik der Weiterentwicklung, sei es beim Mainframe, sei es bei der AS/400, achtet IBM immer auf den Investitionsschutz. Hier ist IBM wohl einmalig, denn wir haben es über die Jahrzehnte geschafft, unseren Kunden über die Server-Generationen hinweg Rückwärtskompatibilität zu gewährleisten.
Im Februar hat IBM die nächste Generation der Power Systems auf den Markt gebracht. Was sind die wichtigsten Neuerungen – und welche Fortschritte in Sachen Vereinheitlichung und Vereinfachung können die Kunden erwarten?
Koederitz: Da ist zunächst der für eine neue Server-Generation übliche Performance-Zuwachs zu nennen. Die vier neuen Power7-Systeme – Power 780, 770, 755 und 750 Express – stellen genau die notwendigen Rechnerkapazitäten zum Beispiel für Echtzeitverarbeitung zur Verfügung. Außerdem werden die Datenbank- und Disaster-Recovery-Funktionen ausgebaut – und in Kombination mit Storage-Technologien werden ganz neue Lösungen machbar sein.
Mit Power 750 Express bieten wir auch für den Mittelstand ein neues System, dessen Prozessorkapazität das Vorgängermodell um ein Vierfaches übersteigt. Damit ergeben sich wesentliche Verbesserungen bei Energieeffizienz und Servervirtualisierung – und das zu einem angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnis.
Die Cebit steht ja vor der Tür. Können wir dort mehr erfahren?
Koederitz: Wir werden auf dem IBM-Stand Power7 erstmals in Deutschland zeigen. Die Power Systems passen ja auch bestens zu unserem Cebit-Motto: „Smarter Together“! Die Botschaft: Die Herausforderungen wachsen – und wir werden sie nur gemeinsam meistern können. Alle sind gefordert, ihr Know-how, aber auch ihre Bereitschaft und ihr Engagement einzubringen. Das gilt gerade auch für die Experten aus den verschiedenen Server-Welten.