29.07.2011
Backup und Hochverfügbarkeit, Branche
Von: Berthold Wesseler | Foto: Paqui Garcia-Arias

Heribert Fritz, Fritz & Macziol

„Cloud Computing braucht Hochverfügbarkeit“

Im Gespräch mit Heribert Fritz, Gründer und Geschäftsführer der Fritz & Macziol GmbH


Heribert Fritz, Fritz & Macziol GmbH

Als erster IBM-Partner in Europa wurde das Ulmer Systemhaus Fritz & Macziol als „Cloud Builder” zertifiziert, auch weil es nachweisen konnte, wie sich die Möglichkeiten von Cloud Computing mit den Anforderungen von Kunden vereinbaren lassen. Neben der individuellen Angebotserstellung und folgenden Wartungsmodellen ging es bei der Zertifizierung dabei auch um typische Integrationsszenarien in bestehende IT-Infrastrukturen sowie Public, Private und Hybrid Clouds.

Solche Cloud-Lösungen können einerseits vorhandene IT-Infrastrukturen ergänzen, aber mit dem IBM Smart Business Desktop Cloud auch für die Entwicklung und Implementierung von Public, Private und hybriden Cloud-Angeboten genutzt werden.

Mit rund 740 Mitarbeitern an 16 Standorten in Deutschland und der Schweiz sowie fünf Servicestandorten weltweit erzielte Fritz & Macziol im Jahr 2010 einen Gesamtumsatz von über 256 Mio. Euro. Die Firmengruppe, zu der auch Software-Firmen wie Infoma, Neo oder Stas gehören, ist Top-Partner von IBM, Microsoft und SAP mit den höchsten Zertifizierungen. Seit 2006 eine Tochter des niederländischen Technologiekonzerns Imtech N.V., nutzt das System- und Beratungshaus Synergien mit anderen Divisionen, z.B. der deutschen Imtech bei RZ-Infrastrukturen.

Herr Fritz, bei all ihren Cloud-Initiativen hat IBM bisher ihre AS/400 vergessen. Wie lassen sich speziell diese Server in Private oder Public Clouds einbinden? Oder müssen sie noch draußen bleiben?
Heribert Fritz:
Ich bin mir sicher, dass IBM diese Plattform nicht vergessen hat. Man darf nur nicht aus dem Auge verlieren, dass das System i vor allem ein typischer Applikationsserver ist. Das System i ist hochmodern. Eine solche Maschine, einmal angeschafft, hat bekanntermaßen fast keine Administrationskosten zur Folge. Aktuelle Themen wie z.B. Virtualisierung und Partitionierung stellen kein Problem für sie dar.

Stellen wir nun den eigentlichen Cloud-­Gedanken als Bereitstellung von definierten Services über das Internet dem gegenüber, dann ist offensichtlich, dass reine Applikationen hierfür momentan nicht im Fokus liegen. Dieser Zustand kann sich jedoch zukünftig ändern. Es stellt sich also nicht die Frage, ob das System i in die Cloud integriert wird, sondern nur, wann es so weit sein wird.

Auf welche Weise sollte ein IT-Chef sein Unternehmen auf den Einsatz von Cloud Computing vorbereiten?
Fritz:
Am besten nach den Vorgaben aus unserer Cloud-Computing-Broschüre (lacht). Dort ist unser pragmatisches Vorgehensmodell detailliert beschrieben. Ich fasse es gerne kurz zusammen. Der Weg in die Cloud beginnt mit einer intensiven Analyse. Dazu wird zunächst die derzeitige IT-Landschaft mit den betriebenen Services, Applikationen und Verfahren erfasst.

Wir blicken gemeinsam mit dem Kunden auf seine Business-Anforderungen und erstellen dann einen Servicekatalog mit beschriebener Bereitstellung, SLA und Nutzung. Abschließend kalkulieren wir das Berechnungsmodell für die IT-Services durch. Die Schwierigkeit dabei besteht darin, Qualitäten messbar zu machen. Das ist hinsichtlich der später erfolgenden benutzungsabhängigen Abrechnung und für die ersten „Return on Investment“-Betrachtungen wichtig.

Und dann wird es konkret?
Fritz:
Der nächste Schritt widmet sich der Grundvoraussetzung für Cloud Computing: der Virtualisierung. Wir betrachten den aktuellen Virtualisierungsgrad mit den einzelnen Schichten wie Storage, Server, Netze, Applikationen und Endgeräte. Danach definieren wir Projekte zur Umsetzung der Virtualisierungsstrategie, planen und führen sie durch.

Der dritte Schritt heißt Standardisierung. Wir sehen uns an, welche IT-Prozesse in welcher Art bereitgestellt werden können. Danach ­definieren wir Projekte zur Standardisierung dieser Prozesse, der eingesetzten Komponenten und administrativen Vorgänge. Schlussendlich implementieren wir das vorher festgelegte Berechnungsmodell.

Zu guter Letzt kümmern wir uns um die Automatisierung der IT-Prozesse. Wir definieren sie, evaluieren Tools zur Unterstützung der Endbenutzer und prüfen zusätzlich, ob die Einführung von Self-Service-Portalen und ein automatischer Lastausgleich für Services mit dynamischer Bereitstellung für mehr Elastizität sorgen könnten. Falls diese Themen sinnvoll sind, realisieren wir sie entsprechend. Diese vier logischen Schritte machen den Weg in die Cloud einfach, sicher und wirtschaftlich.

--seitenumbruch--

(Fortsetzung)

Inwiefern spielen Virtualisierung, Blade-Server oder Speichersysteme eine Rolle?
Fritz:
Diese Werkzeuge sind die Grundlage für den Aufbau des Cloud Computing. Die durchgängige Virtualisierung ist wie gesagt eine Vor­aussetzung. Diese muss natürlich auf entsprechend leistungsstarken Servern und Speichersystemen laufen. Dabei fallen automatisch Namen wie EMC, Net App, IBM Cloudburst, VBlock, VCE und viele andere mehr.

In welchen Bereichen lässt sich Cloud Computing heute schon sinnvoll nutzen?
Fritz:
Es gibt zahlreiche Bereiche, in denen die Cloud schon gelebte Praxis ist. Für uns selbst haben wir beispielsweise eine Private Cloud für Test & Development aufgebaut. Damit können wir Entwicklern und Systemingenieuren benötigte virtuelle Maschinen über ein Self-Service-Portal in Minuten zur Verfügung stellen – statt wie früher in Tagen oder gar Wochen.

Oder schauen Sie sich unser unternehmensinternes Social Network C3 an. Damit haben wir sowohl den Know-how-Transfer als auch das Skill-Management drastisch verbessert – nicht nur am Standort Ulm, sondern inzwischen in allen Unternehmen der IT-Sparte unseres Mutterkonzerns Imtech. Hier nutzen heute bereits 3.000 Mitarbeiter in zehn Ländern unser „Facebook fürs Unternehmen“.

Aus dieser Praxis heraus weiß ich: Mit den ersten Schritten in die Cloud nimmt man nur Anlauf für die größeren Sprünge. Ich lade deswegen jeden Kunden ein, sich unsere Test-Cloud anzuschauen. Dort sind alle Facetten des Cloud Computing live erlebbar, angefangen von der Konfiguration und Bereitstellung via Self-Service-Portal über das Tracing der Aktivitäten bis hin zum Abrechnungsmodell. Es ist zudem klar ersichtlich, wie viel z.B. die Entwicklung einer Applikation inklusive der Manntage, Lizenzen sowie Hard- und Software kostet und auf wie viel sich der Anteil der Anwender beläuft, die täglich damit arbeiten.

Können Sie uns andere Beispiele aus der mittelständischen Praxis nennen?
Fritz:
Ein Beispiel ist der Württembergische Landessportbund (WLSB): Auf dem Weg in die Cloud haben wir im Rechenzentrum die Zahl der Server von 50 auf vier reduziert. Heute sorgt eine Private Cloud beim WLSB nicht nur für mehr Effizienz, auch der Stromverbrauch konnte drastisch gesenkt werden. Oder das Beispiel Zapf: Dort wird heute das SAP-System aus der Private Cloud heraus genutzt – mit Kosteneinsparungen, die bei rund 30 Prozent liegen.

Kann der IT-Chef „Wildwuchs“ vermeiden, wie er für die Anfänge der PC-Ära oder des Client/Server-Computing typisch war?
Fritz:
Die Erfahrungen unseres Außendienstes zeigen, dass viele Unternehmen hier schon seit längerem für eine Optimierung gesorgt haben – der Wildwuchs hat also bereits abgenommen. Zudem gehört neben der Konsolidierung und Virtualisierung vor allem auch die Standardisierung der Prozesse zu den Voraussetzungen, um eine Cloud aufbauen zu können. Danach muss schlicht der klassische Management-Prozess gelebt werden. Auf diese Weise wird der Wildwuchs vollständig verhindert und die Qualität im Prozess gesichert.

Als Cloud-Vorteil gilt der Kostenfaktor. Wie viel lässt sich in der Praxis sparen?
Zunächst sind doch Investitionen nötig ...
Fritz:
Sicherlich sind Investitionen nötig, denn eine Infrastruktur wird auch für das Cloud Computing benötigt. Doch legt man diese Fixkosten auf der Zeitachse um und vergleicht das Ergebnis mit den Fixkosten einer herkömmlichen Infrastruktur, ist die Cloud meist günstiger als die klassische IT. Denn die Ressourcen werden deutlich besser ausgenutzt, die Lizenzkosten sinken und die Prozesse werden optimiert.

Das Schöne: Über „Pay-per-use“, das Abrechnungsmodell einer Cloud, werden diese Kosten absolut transparent. Man sieht, welcher Service von wem und wie oft genutzt wurde. Selten oder von wenigen genutzte Dienste könnten dann einfach abgeschaltet werden. Die Analyse der Nutzung von Services bietet eine einfache Chance zur Kostenoptimierung.

Bitte beschreiben Sie uns doch Ihr Abrechnungsmodell für typische Cloud-Services. Wie nah kommt der Kunde an die „Pay-per-use“-Idee wirklich?
Fritz:
Da in der Cloud sämtliche Kosten nutzer- und ressourcenbezogen abgerechnet werden können, ist es möglich, absolute Transparenz in die Kosten zu bekommen und diese dann auch entsprechend auf die einzelnen Bereiche oder sogar Mitarbeiter zu verteilen. Das zeigt auch das Beispiel unserer Private Cloud: Wir sind dadurch erstmals in der Lage, die tatsächliche Kosten für die Entwicklung einer spezifischen Anwendung genau nachzuvollziehen.

Mit welchen Argumenten wollen Sie Bedenken hinsichtlich Performance, Verfügbarkeit und Sicherheit entkräften?
Fritz:
Diese Bedenken beziehen sich vor allem auf Public Clouds, nicht auf Private Clouds. Grundsätzlich entscheidet bei Letz­teren die Qualität, mit der das Vorgehens­modell umgesetzt und die strukturierten ­Prozesse definiert wurden.

Wir empfehlen bei kritischen Applikationen und schützenswerten Daten nur die Private Cloud und stellen dafür auch entsprechende Service-Level-Agreements zur Verfügung. Derzeit sind bei uns rund 200 individuelle Verträge für „Managed Dienstware“ aktiv, wie wir unser Paket an IT-Dienstleistungen nennen. Dort verpflichten wir uns vertraglich, die vereinbarten und gesetzlichen Leistungen bezüglich Performance, Verfügbarkeit und Sicherheit einzuhalten. Es liegt also in unserem ureigenen Interesse, diese zu gewährleisten.

Prozesse, die klar abzugrenzen sind und sich zudem an eine ganz spezifische Zielgruppe richten, können dagegen jederzeit auch sicher in der Public Cloud betrieben werden. Das zeigt beispielsweise unser eANVportal, mit dem wir das elektronische Abfallnachweiseverfahren in Form einer Public-Cloud-Lösung abgebildet haben.

Insgesamt spielt uns bei der Performance die Marktentwicklung in die Hände. Der Ausbau breitbandiger Internetverbindungen ist laut der Bundesregierung für den Wirtschaftsstandort Deutschland ein erklärtes Ziel. Davon profitieren nicht nur wir als Cloud-Anbieter, sondern natürlich auch die Unternehmen und Anwender entsprechender Services. Keiner weiß, wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussieht – aber es ist sicher, dass er eine entsprechende Bandbreite voraussetzen wird.

--seitenumbruch--

(Fortsetzung)

Wo sehen Sie juristische Fallstricke beim Cloud Computing?
Fritz:
Grenzüberschreitende Modelle kollidieren gerne mit landeseigenen Gesetzen. In der Schweiz etwa hosten wir die Arbeitslosendaten des Staatssekretariats für Wirtschaft. Dieses Projekt wäre prädestiniert für den Cloud-Einsatz. Allerdings verbieten es die Schweizer Gesetze, Daten außer Landes zu geben.
Ein weiteres juristisches Thema sind die Software-Lizenzen. Wem gehören sie und wer darf sie zu welchem Preis in welchem Land nutzen? Solche Fragen sind meist noch ungeklärt.

Wie wird Cloud Computing Ihr Geschäftsmodell langfristig ändern?
Fritz:
Für uns ist die Cloud keine Revolution, sondern der nächste logische Schritt in der Entwicklung der IT. Sie ist sicher ein Weg mit unbekanntem Ziel, der aber absolut Sinn macht. Wir werden unser Geschäftsmodell deswegen nicht grundsätzlich ändern, sondern stetig weiterentwickeln, also auch künftig nicht als Provider auftreten. Unser Fokus liegt klar auf dem Betrieb von Private Clouds.

Daneben bieten wir aber im Bereich Software durchaus Cloud-Lösungen an und werden das auch ausbauen. Dies betrifft alle unsere Töchter und Produktbereiche, also Infoma, Stas und Neo ebenso wie eANV oder VAS. Hier bieten wir bereits zahlreiche Lösungen für vertikale Märkte in Form von „Software as a Service“ (SaaS) an.

Wie sieht die Zusammenarbeit in diesem Bereich mit IBM aus? Wo liegen die Unterschiede/Vorteile zum Angebote der IBM, die doch auch selbst Cloud-Lösungen anbietet?
Fritz:
Im Bereich Private Cloud stehen wir klar im Wettbewerb mit den Cloud-Angeboten der IBM. Obwohl wir uns in der Technologie nicht unterscheiden, da wir sie selber einsetzen, punkten wir hier mit dem Vorteil der Herstellerneutralität. Wir gehen unabhängiger auf die Kunden und ihre Anforderungen zu, da wir den kompletten Markt im Auge haben. Das ist ein großer Vorteil für den Kunden.

Aber die Private Clouds, die wir für Kunden bauen, beziehen oft IBM-Technologie mit ein; somit sind wir an dieser Stelle wieder verlässlicher Partner. Unsere Kompetenz zeigt nicht allein das vor kurzem von der IBM überreichte Zertifikat zum „Cloud Builder“. Fritz & Macziol war hier der erste IBM- Business-Partner in Europa, der diese Auszeichnung erhalten hat. Auch von anderen Herstellern sind wir zertifiziert und können daher dem Kunden das Beste aus allen Welten bieten. Daher sind wir im Bereich Private Cloud deutlich flexibler.

Wollen Sie alle IT-Fragen im Mittelstand beantworten können oder gibt es Themen, aus denen Sie sich bewusst ausklinken?
Fritz:
Die meisten Fragen rund um die IT, ich schätze 80 bis 85 Prozent, können wir auf ­jeden Fall beantworten. Bei speziellen Problemstellungen und Nischenanwendungen müssen wir aber passen. Wir sind jedoch immer bestrebt, die Innovationskraft des Kunden zu unterstützen. Auch wenn wir ihm manchmal nicht direkt helfen können, können wir ihm vielleicht indirekt mehr Freiräume und damit mehr Zeit verschaffen.

Das, was unsere Kunden nicht angehen wollen, ist auch für uns kein Thema. Dafür ­decken wir alle Punkte ab, die Gartner aktuell als „Business Trends“ nennt. Bei den „IT Trends“ sind wir bis auf einen überall mit dabei – die Modernisierung von Legacy-Anwendungen wird jedoch auch künftig kein Thema für uns sein, dafür haben wir Partner.

In welchen Bereichen wollen Sie das Lösungsangebot künftig verstärken? Ist dabei auch an weitere Akquisitionen gedacht?
Fritz:
Wir wollen natürlich weiter wachsen, aber nicht um jeden Preis. Und streben ein profitables organisches Wachstum an. Ins Auge fassen wir, was Zukäufe angeht, vor allem Systemhäuser mit Erfahrung im Umfeld von Unified Communications Solutions, produktunabhängige Servicehäuser sowie Software-Anbieter, die unser eigenes Port­folio sinnvoll ergänzen. Aber auch an einzelnen Menschen bzw. Teams mit Fachexpertise sind wir interessiert. Die Nachfrage nach IT-Beratung und -Leistung ist hoch und der wollen wir nachkommen.


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